Beschwingt mit Scheffel

und die Rodensteinliedern

Scheffel macht ja die Sagengestalt des Rodensteiners in diesen Liedern – entgegen aller historischen Fakten – zum Trunkenbold und lässt ihn Hab und Gut verjubeln. So beginnt das am weitesten verbreitete Lied von der „Drei-Dörfer-Vertrinkung“ der Odenwaldorte Gersprenz, Reichelsheim und Pfaffen-Beerfurth mit den Zeilen „Wer reit`t mit zwanzig Knappen ein zu Heidelberg im Hirschen? Das ist der Herr von Rodenstein, auf Rheinwein will er pirschen.“ Dr. Claus Fittschen und Karl-Heinz Mittenhuber trugen es gesanglich vor. Eine ebenso unterhaltsame Scheffelsche Dichtung ist das Trinklied „Die Pfändung“, das Dr. Fittschen als Sologesang präsentierte. Obgleich man in diesem Lied dem Rodensteiner seine Kleidung mitsamt Stiefel und Sporen auszieht und pfändet, wird dadurch seine Trinklust nicht gemindert: „Da lacht der Rodensteiner: Nur zu, wie wird mir wohl, `s trinkt leichter sich und feiner im Unterkamisol (Unterhemd)“.

 

In einem informativen Vortrag charakterisierte dann Karl-Heinz Mittenhuber, der die Veranstaltung geplant hatte und auch moderierte, den einstigen „Dichterfürsten“ und „Lieblingsdichter der Deutschen“, indem er Scheffels Lebensstufen als Student und Burschenschaftler, als Jurist und Politiker und schließlich als Maler und freier Wanderdichter darstellte. Nicht zuletzt wurde Scheffel aber durch seine humorvollen Lieder des  Gedichtbands „Gaudeamus“, zu denen auch die Rodensteinlieder gehören, bekannt und beliebt. Seine Beliebtheit zur damaligen Zeit beruhte ebenso auf seiner Fähigkeit, das Nationalgefühl der Deutschen in seinen Werken anzusprechen. Unvergessen ist Scheffel in seiner geliebten Stadt Heidelberg. Scheffelterrasse, Scheffel-Gedenkstein, Scheffels Ehrenbürgerschaft, die Gaststätte „Perkeo“ und zahlreiche Scheffelsche Dichtungen über Heidelberg erinnern an ihn - außerdem der Scheffel-Preis, welcher an die besten Abiturienten im Fach Deutsch vergeben wird. - Wer auch in Fränkisch-Crumbach auf Scheffels Spuren – so meinte Mittenhuber – wandeln möchte, der sei an die Scheffel-Gedenktafel in der Burgruine Rodenstein, an Scheffels Eintragungen in das Gästebuch des Hofguts Rodenstein in den Jahren 1847 und 1857 sowie an den Rodensteiner Dichterweg erinnert – natürlich auch an die Scheffel-Exponate im Rodenstein-Museum. 

 

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung war das Wilde Heer, an dessen Spitze der sagenumwobene Rodensteiner der Überlieferung nach zieht, Gegenstand eines anderen Rodenstein-Trinklieds. In Scheffels Dichtung „Das Wilde Heer“ wird es zu einer Schar trinklustiger Gesellen. Erika Schäfer rezitierte dieses Lied einfühlsam und vermochte die Besucher aktiv einzubeziehen. Sie kennzeichnete es als Protestlied im Vorfeld der Badischen Revolution – nämlich gegen die angeordnete Vorverlegung der Polizeistunde auf 23 Uhr. Dadurch wollte man das zu ausgiebige Politisieren und Demonstrieren unterbinden. Deshalb heißt es im Liedtext: „Wer zu genau die Herberg schließt, den straft das Wilde Heer.“

 

Es blieb nicht aus, dass man sich über die frei erfundene Interpretation des Rodensteiners in den Scheffelschen Liedern erregte. Man griff Scheffel nicht nur verbal an. In Pfaffen-Beerfurth soll es zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen sein, bei der Scheffel auf dem Misthaufen landete. In seiner Dichtung hat Scheffel den Ort als „duftige Mistfinkenhöhl“ bezeichnet. Auch der Fränkisch-Crumbacher Pfarrer und Geschichtsforscher Theodor Meisinger betonte, dass keiner der Rodensteiner jemals dem Suff verfallen sei. In Darmstadt schloss man Scheffel sogar von der Rodenstein-Ausstellung des Jahres 1913 in der Stadtbibliothek aus. In der Ausstellungsschrift steht zur Begründung: „ Scheffel hat aus dem nationalen Helden einen Trinker gemacht … und sich gegen den Rodensteiner schwer vergangen“. Emil Grimm aus Fränkisch-Crumbach wehrte sich gegen Scheffels Rodenstein-Trinklieder mit einem Gegengedicht, das den Titel „Rodensteins Zorn“ trägt. Dieses wurde von Bärbel Brand in engagierter und dynamischer Weise vorgetragen. Darin heißt es: „Der Rodensteiner tobt umher, weil man verletzt hat seine Ehr`“.

 

Wie Mittenhuber anschließend ausführte, wurden die Rodensteinlieder und damit der Name des Rodensteiners dennoch in aller Welt bekannt, was in der Scheffel-Ausstellung im 1. Stockwerk des Museums, zusammengestellt von Jürgen Göttmann, dokumentiert wurde. Ernst-Otto Nehrdich erläuterte den Besuchern die interessante Dokumentation. Mit dem Besuch dieser Ausstellung und mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Ja, so war`n die Herr`n von Rodenstein“ fand die Veranstaltung, die im Rahmen der Reihe „Nacht der offenen Museen“ durchgeführt wurde, ihren Abschluss. Für die Vervielfältigung der Liedtexte hatte Stephanie Fittschen gesorgt. Für die Bewirtung ist Petra Matuschkiewitz und Stephanie Fittschen zu danken. 

 

                                                                              Für das Rodensteinmuseum: K.-H. Mittenhuber